Lyrik

"Respekt vor der Schöpfung, vor dem Daseienden, Genauigkeit des Sehens, die Empfindung, dass alles nur einmal vorhanden ist und nur in verwandelter Gestalt immer herrscht: das wäre gewissermaßen die Inhaltsangabe meiner Gedichte".

"Das gelungene Gedicht versetzt Menschen wie Dinge aus einem ungenauen in einen genauen Zustand. Es betrügt ihn und sie gerade nicht um das Dasein, sondern verleiht es ihnen."

Im Winter zu Singen

Die Jäger spannen die Tellereisen,
Die Füchse entwischen.
Der Südost nietet die letzte Spalte
Über Aalen und Fischen.

Aus Lappland flogen die roten Drosseln,
Ihre Stimme fällt weich wie Schnee.
Kein Messer schneidet den Schlaf der Erde,
Auch der Maulwurf tut ihr nicht weh.

In weiser Ohnmacht werden die Larven
Für andere Zeit bewahrt.
Den trächtigen Schafen wächst das Euter,
Den Ziegenböcken der Bart.

(datiert 25.1.1929)

 

Ahornfrüchte
an Oskar Loerke

Gleich Sarazenensäbeln hängen
Die Ahornfrüchte bündeldicht.
Still ist es in der Weltenkammer,
Das Weltgeschrei bewegt sie nicht.

Wildhüter sagte mir der Bauer,
Sie brauchten nicht die dünne Frucht.
September trocknet ihr die Flügel,
Ein Kind hat sie zum Spiel gesucht.

Der Star, von Kälberrücken schnurrend,
Pickt nach den Schwertern, läßt es wieder;
Geweih des Hirsches streift sie müßig -
Sie glänzen, Ungebrauchte, nieder.

Ich aber brauche sie. Durch Erde und durch Himmel
Zückt meine Hand sie. Dem Getümmel
Der Menschen unsichtbar zieht meines Schlages Spur -
Sie glänzen grün und kupferrot. Von ihrer Klinge raucht
Kein Blut. Im Schlaf sich rührend, unverbraucht,
Die Schwerter sie des Dichters nur.

(datiert 3.-6.9.1933)

 

Oberon

Durch den warmen Lehm geschnitten
Zieht der Weg. Inmitten
Wachsen Lolch und Bibernell.
Oberon ist ihn geritten,
Heuschreckschnell.

Oberon ist längst die Sagenzeit hinabgeglitten.
Nur ein Klirren
Wie von goldnen Reitgeschirren
bleibt,
Wenn der Wind die Haferkörner reibt.

(datiert 28.7.1934)

 

Pappellaub

Es rauscht.
Wo kommt es her?
Das Laub der Pappel rauscht, als seien Blätter Meer.
Da niemand lauscht,
Laß mich es tun,
Den Kopf im Nest des Armes ruhn.

Die wilden Möhren
Blühn zu den Chören
Der Schlußgesänge
Im Mönchsgedränge
Des Starenschwarms.
im Nest des Arms
Hör ich, es schallt:
Der Somme wird alt.

Es rauscht.
Das Laub der Pappel rauscht, als seien Blätter Meer.
Sie schweigen, warten, schallen voller her,
Als freue sie, daß jemand lauscht.

(Erstabdruck FAZ 8.8.1941)

Blick auf Rom

Im Boden verschollen
Triumphgeschrei, Geheul und Gelächter,
Alle Opfer und alle Schlächter.

Dann weideten hier Kühe und Geißen,
Campo caprino, campo vaccino.

Die aufgeweckten Steine hilft mein Fuß verschleißen.
Wohin vergehe ich? Wage ich, noch zu bestehn?
Teerose, Pfirsich geben ihre Farben der römischen Vedute;
Das Mauersims besteigt der Feigenbaum mit immer wiederholtem Mute.

Über der Peterskuppel seh ich sich drehn
Eine Säule Zugvögel,
Des Weges gewiß, so tüchtig wie flüchtig.
Ich wage es, noch zu bestehn.


(Erstabdruck Deutsche Zeitung 9.11.1959)

Sperber aus Stein

Laß nicht den Tod das Ende sein,
O falle mir noch wieder ein!
Er werde steinig nachgelebt,
In Fleisch und Blut so rasch verschwebt.

Die heilig wilde Wohlgestalt
Gräbt frühe Hand aus dem Basalt:
Den Blick, den nur die Ferne lockt;
Den Schrei, der in der Kehle stockt;
Die Schwinge, lässig angedrückt,
Von Leidenschaft nicht mehr gerückt.
Der Schnabel Sichel, Dolch der Fang:
So sitzt er ein Jahrtausend lang.

Das dauerhafte Protokoll
Liest spätes Auge andachtsvoll.
Verschlossen der basaltne Schrein,
Verschwiegenes Gedenkemein.

Wenn du für alle Zeit versteinst
Und nichts mehr willst von Da und Einst,
Vielleicht, daß doch mein Hier und Jetzt,
Wie Schlafenden ein Traum, dich letzt.

(Erstabdruck FAZ 24.3.1965)